An einen Diplomaten

Seine Exzellenz
Herrn Botschafter der
Vereinigten Staaten von Amerika
in der
Bundesrepublik Deutschland

Mr.
Richard  G r e n e l l

US-Botschaft
Pariser Platz
Berlin

Betr.: Ihr Auftreten als Botschafter Ihres Landes in der Bundesrepublik Deutschland und    das Ihres obersten Dienstherren, des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika

Sehr geehrter Herr Botschafter,

als Bürger der Bundesrepublik Deutschland ist es mir ein Anliegen, Ihnen meine Besorgnis über das Auftreten Ihres obersten Vorgesetzten, des derzeit amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, zur Kenntnis zu bringen. Gleiches gilt für eine Anzahl von Äußerungen und Auftritten, mit denen Sie, sehr geehrter Herr Botschafter, sich seit Ihrem Amtsantritt in Berlin hervorgetan haben.

Gestatten Sie mir eine Bemerkung vorab: ich bin geboren im Jahre 1948, bin deutscher Staatsbürger und aufgewachsen in der sog. amerikanisch besetzten Zone Deutschlands. Rothwesten in der Nähe meiner Heimatstadt Kassel war Standort einer großen amerikanischen Garnison, und schon deshalb war Amerika, wenn ich es so vereinfacht ausdrücken darf, gegenwärtig und prägend. In einer Zeit, die ich als einschüchternd und autoritär erinnere, war die Ihren Landsleuten oft mit Recht zugeschriebene unkomplizierte Freundlichkeit und straightforwardness eine Wohltat. Dem sog. Amerikahaus, einem Kulturzentrum in meiner Heimatstadt und im Rahmen der sog. Re-Education gegründet, und seiner Bibliothek, die ich seit meinem zwölften Lebensjahr frequentierte, verdanke ich wertvolle Leseerlebnisse. Und aus seiner Schallplattenabteilung lieh ich mir Zeugnisse der vielleicht amerikanischsten Kunstgattung: ich meine den Jazz. Miles Davis und Charles Mingus, um nur zwei zu nennen, waren Heroen meiner jungen Jahre (und sind es bis heute).

Bei mehreren Reisen durch verschiedene Regionen und Städte Ihres großes Landes, Herr Botschafter, die ich in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und im Herbst 2001 unternahm, begegneten mir erneut und immer wieder amerikanische Wesensart, amerikanischer spirit, in ihrer liebenswertesten Ausprägung. Freundlichkeit und Ermutigung sind die ersten Begriffe, die mir einfallen, sollte ich spontan meine Eindrücke benennen.

Und niemals vergesse ich, daß es Ihr Land war, das unter seinem Präsidenten Franklin Delano Roosevelt und im Zusammenwirken mit bedeutenden Mächten, unter ihnen vor allem die Sowjetunion und das Vereinigte Königreich, Europa von der unfaßbaren Niedertracht und der Bestialität befreit hatte, die dieser Kontinent im Namen meines Landes erdulden mußte. Thomas Mann, weiland deutscher Exilant in den USA, stellte seinen Nachruf auf den großen Mann unter die Worte: Macht und Güte.

*  *  *

Daß nicht jeder Amtswalter das Format eines seiner Vorgänger an den Tag legt, ist nicht weiter von Belang. Gerade auch Schwächen sind eine menschliche Eigenschaft, und wer sich frei davon wähnt, mag ehrlichen Rat einholen und sein Selbstbild berichtigen.

Auch bei Wahrung eines maßvollen Sprachgebrauches komme ich indes nicht umhin, Mr. Donald Trump, den derzeitigen Präsidenten Ihres Landes, als ungeeignet zur Wahrnehmung verantwortungsvollster Aufgaben zu bezeichnen. Dabei meine ich nicht seine privaten Usancen wie etwa die Inanspruchnahme von Diensten, wie sie, umgangssprachlich gesagt, auf dem sog. Strich geboten werden. Ob der Herr A, verheiratet oder nicht, sich eine Porno-Darstellerin aufs Hotelzimmer bestellt und/oder sich einen Strichjungen hält und ihn auf die eine oder andere Weise für einschlägige Bereitschaften prämiiert, interessiert mich nicht.

Ich meine seine eklatante Ignoranz in elementaren Dingen der Form und der Diplomatie ebenso wie in den Materien, wie sie derzeit die Verhältnisse zwischen bedeutenden Mächten prägen. Ich meine die gröhlende Selbstgewißheit, die ihn gegenüber anderen Staaten auftreten läßt, als seien es Kolonien, deren Bewohner die Segnungen der Freiheit nur aus Washington erwarteten und jeden US-Marineinfanteristen als Sendboten erlösender Verkündung. Daß im Gegenteil amerikanische Außenpolitik allzu oft zum Synonym für Brutalität und für Kumpanei mit den bösartigsten Figuren geworden ist, ist mittlerweile verbreitete, verständliche und vor allem begründete Ansicht. Die verdankt sich nicht einem immer wieder bemühten „Anti-Amerikanismus“, sondern den Tatsachen.

Man muß die Formen zB iranischer Machterhaltung und eventueller regionaler Ambitionen nicht eben befürworten, darf aber fragen, ob etwa die saudi-arabischen Usancen u.a. des freitäglichen Abschlachtens von Menschen vor Publikum genuiner Ausdruck aufgeklärten Respektes vor den Menschenrechten sein sollen. Und nicht erst der jüngst bekannt gewordene Fall der Ermordung des Journalisten Kashoggi – sie fand statt auf allerhöchsten Befehl – ist Beispiel der viehischen Tradition saudischer Machtausübung, zu der die Massenhinrichtung von 47 Menschen im Frühjahr 2016 ebenso zählt wie die kranke Lust des Auspeitschens. Jüngst hat die renommierte Neue Zürcher Zeitung, von der auch Sie vielleicht schon einmal gehört haben, eine Anzahl weiterer Fälle benannt, die auf derselben Linie liegen.

In diesem Zusammenhang gewinnt der Besuch Ihres Commander in Chief in Saudi-Arabien im Jahre 2017 besondere Bedeutung: als er sich nämlich aufführte und vorführen ließ, als sei er (die Bayern unter meinen Landsleuten mögen mir diesen Vergleich verzeihen) in einem bayrischen Bierzelt gelandet. Wäre ich Amerikaner – und dann wäre ich eben auch amerikanischer Patriot! -, wären Zorn und Scham die einzig möglichen Begriffe für meine Reaktion auf den Anblick, den Erscheinung und Habitus des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika boten.

*  *  *

Sicher gibt es auch im amerikanischen Englisch eine Redensart, die in ihrer deutschen Variante lautet: Wie der Herr, so s Gescherr (verschiedene Lexika übersetzen diese Wendung mit den Worten „like master, like man„). Weniger umgangssprachlich: warum sollte ein neuerdings hochgradig Befugter die diplomatische Vertretung seines Landes jemandem anvertrauen, der ihn hinsichtlich Format und Bildung, in puncto Weltkenntnis, Umgangsformen, Gewandtheit und persönlicher Souveränität auch nur geringfügig überragt?

Womit ich bei einem weiteren Punkt meiner Ausführungen bin (und schon an dieser Stelle für die Geduld danke, die deren evtl. Lektüre Ihnen womöglich abverlangt).

Da ist etwa Ihre prononcierte Belobigung des Kanzlers der Republik Österreich, Herrn Sebastian Kurz. Die tieferen Gründe für Ihren unübersehbar erhöhten Enthusiasmus, den Sie diesem jungen Manne entgegenbringen, mögen dahinstehen. Etwas anderes ist die – eine reserviertere Wortwahl ist nicht angebracht –  bemerkenswerte Provinzialität, die Sie veranlaßt, aus diplomatischer Position heraus in internationalem Rahmen politische Präferenzen zu benennen und Benotungen ad personam zu verteilen. Diplomaten, die ihr Metier verstehen, und sei es nur in Grundzügen, hüten sich vor derlei Unbedarftheiten.

Ganz auf dieser Linie bewegt sich der Sprachgebrauch, mit dem die Presse Sie insoweit zitiert: Der österreichische Bundeskanzler Herr Sebastian Kurz sei ein „Rockstar“. Das mag dem Sprachvermögen und dem geistigen Horizont amerikanischer High-School-Kids entsprechen, wobei – diesen Einwand müßte ich gelten lassen – längst nicht alle Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppe einen derartigen Vergleich verdienen. Der Deutlichkeitkeit halber: die meisten Halbwüchsigen auch in den USA haben bessere Manieren und sind gebildeter.

Sodann haben Sie unlängst auf dem Medium, das jedermann alle möglichen wie unmöglichen Bekundungen coram publico ermöglicht, geäußert, deutsche Unternehmen sollten alsbald ihre Geschäftsbeziehungen zum Iran einstellen.

Einmal abgesehen davon, daß seriöse Diplomaten die Formulierung außenpolitischer Anliegen und Aufforderungen ihrem jeweiligen Außenminister und dessen Regierungschef überlassen und der Iran mW kein kommunistisches Land ist, Geschäftsbeziehungen dorthin sich idR also zwischen Unternehmen abspielen (daß die iranische Regierung auch Staatsaufträge vergibt, steht dem nicht entgegen), drängt sich die Frage auf: Wieso glauben Sie allen Ernstes, die schubhaften Eingebungen, die willkürlichen Entscheidungen, dieser und jener Raptus Ihres Herrn Präsidenten hätten weltweite Gesetzeskraft? Was fällt Ihnen beiden eigentlich ein? Es ist diese Mischung aus dumpfer Provinzialität und globaler Anmaßung, aus Weltbestrafung und Dorfschulmeisterei, die das Auftreten des derzeitigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika und vieler Angehöriger seiner Entourage zu einer Widerwärtigkeit machen.

Zur von Ihnen, Ihrem Dienstherrn und Ihres- wie seinesgleichen geäußerten Unterstellung, der Iran fördere „den Terrorismus“ – nun, wenn ich erneut ein Sprichwort benutzen darf, so ist es das vom Ochsen, der zum Esel spricht: Du Hornvieh. Denn im Bestreben, Länder des Nahen und Mittleren Ostens dem Herrschaftsbereich US-amerikanischer Interessen zuzuordnen, waren es Präsidenten Ihres Landes, die für bösartigste Massaker verantwortlich sind, begangen an zahllosen Menschen im Irak, in Syrien und in Libyen. Deren jeweilige Herrscher waren oder sind, je nun, nicht eben leuchtende Vorbilder in Sachen Demokratie und Rechtsstaat. Was ihnen aber dank der bewaffneten Anmaßungen sog. Koalitionen der Willigen folgte, stellte ihre Taten freilich in den Schatten. Nunmehr agiert in jenen Ländern der Terror der islamistischen Raser, die sich übrigens der großzügigen Unterstützung seitens der USA und der saudischen Herrscher erfreuen. Wobei man nicht von Terroristen spricht, versteht sich, sondern bspw. von „oppositionsnahen Aktivisten“. Woran man neben anderem sieht: man kann auch Worte prostituieren.

Schließlich haben Sie, sehr geehrter Herr Botschafter, es für nötig befunden, sich in Berlin an der Demonstration zum sogenannten Christopher-Street-Day in vorderster Front zu beteiligen. Da Sie es für angezeigt halten, Ihr ganz persönliches Triebschicksal und dessen Präferenzen öffentlich zur Schau zu stellen, auch insoweit eine Anmerkung:

Es ist erfreulich, daß heutzutage zumindest in unseren Breiten kein Mensch sich wegen seiner evtl. homosexuellen Veranlagung schämen muß. Jene Bewegung, die unter dem Kürzel Christopher Street bekannt geworden ist, hat daran ihre unbestreitbaren Verdienste. Daß sie dabei gelegentlich an die Grenzen der Zumutbarkeit ging, was Geschmack und Schamgefühl angeht, ändert daran nichts. Denn mitunter gehört Provokation zum Beginn einer Befreiung.

Etwas ganz anderes ist der johlende Exhibitionismus, der sog. Schwulenparaden allzu oft prägt, es  ist die ungenierte, die obszöne Zurschaustellung des Sexuellen. Sigmund Freud, der den diversen menschlichen Ausprägungen gewiß kenntnisreich und vorurteilsfrei begegnete, bemerkte treffend, Homosexualität sei gewiß kein Makel, ebensowenig allerdings eine Auszeichnung. Und derselbe illusionslose Humanist notierte an anderer Stelle, zu den sichersten und ersten Symptomen des Schwachsinns gehöre der Verlust des Schamgefühls.

Es ist bemerkenswert, daß ein Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika an der Illustration jenes Satzes im Habitus schelmisch lächelnder Vergnügtheit öffentlich mitwirkt.

Ich belasse es bei diesen Anmerkungen und verbleibe mit dem Ausdruck meiner tief empfundenen Hochachtung vor dem Land Ihrer Herkunft und dem Amt, das Ihnen, Herr Botschafter, derzeit anvertraut ist.

Nehmen Sie im übrigen meine besten Wünsche entgegen für Ihre weitere persönliche, vor allem auch Ihre berufliche Zukunft. Letztere ist gewiß nicht auf das diplomatische Fach beschränkt, sondern mag Aufgaben bereithalten, denen Ihre zweifellos vorhandenen Begabungen und Neigungen noch weit mehr entsprechen.

Michael Vorwerk
Kassel/Deutschland, im Dezember 2018

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