Just a pawn in the game oder: Warum ich Herrn Ai Weiwei für überschätzt halte

09. Februar 2016

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Nicht erst seit der jüng­sten und bis dato viel­leicht geschmack­lo­se­sten Selbst­dar­stel­lung des chi­ne­si­schen Künst­lers Ai Wei­wei am Strand von Les­bos konnte man den Ein­druck gewin­nen, daß die Schaf­fens­höhe sei­ner Kunst­werke sich umge­kehrt pro­por­tio­nal zu deren welt­wei­ter Reso­nanz ver­hält. Dazu dem­nächst ein paar Worte.

Einst­wei­len und der Reihe nach diese hier:

Die chi­ne­si­schen For­men der Macht­er­hal­tung und der Straf­ju­stiz sind in hohem Maße opti­mier­bar, um es dezent zu for­mu­lie­ren. Die Straf­maße gegen sog. Regime­kri­ti­ker sind unver­hält­nis­mä­ßig, soweit sie über­haupt der Geset­zes­lage ent­spre­chen.

Zu den Grün­den für Ai Wei­weis Inhaf­tie­rung im Jahre 2011 kommt unge­ach­tet zahl­lo­ser Pres­se­be­richte kaum mehr (auch nicht weni­ger) als ein edu­ca­ted guess in Betracht, näm­lich: Schau­pro­zeß, will­fäh­rige Justiz, Ein­schüch­te­rung per vor­ge­scho­be­nem Haft­grund etc. Aller­dings: auch in Deutsch­land würde Haft­be­fehl erge­hen (und voll­zo­gen), kämen Finanz­ver­wal­tung und Staats­an­walt­schaft zu dem Schluß, ein Steu­er­pflich­ti­ger sei bei Abgabe sei­ner Steu­er­erklä­rung zu sub­jek­tiv gewe­sen, dies zu Lasten des Fis­kus und in Höhe von 1,7 Mio. € fäl­li­ger aber hin­ter­zo­ge­ner Steu­ern. Oben­drein sei er im Begriff gewe­sen, das Land zu ver­las­sen. Tat­ver­dacht, Flucht­ge­fahr und Ver­dunk­lungs­ge­fahr, maW die Haft­gründe, wären zu beja­hen.

Nicht akzep­ta­bel nach hie­si­gem Ver­ständ­nis, das auch das meine ist, waren die Geheim­hal­tung des Inhaf­tie­rungs­or­tes und die zumin­dest sehr weit­ge­hende Unter­bin­dung des Kon­tak­tes zu Anwäl­ten wie auch Drit­ten, wie es die Presse ver­mel­det hatte. Glei­ches gilt für die Nach­stel­lun­gen der Behör­den zum Nach­teil enga­gier­ter Anwälte (s. jüngst und statt vie­ler ‘I’m a peti­tio­ner – open fire!’ von Chao­hua Wang in Lon­don Review of Books 05. 11. 2015 ein­schließ­lich des Hin­wei­ses auf den Film des bril­li­an­ten Regis­seurs Zhao Liang mit dem Titel “Peti­tion) und für eine Justiz, die sich immer noch als aus­füh­ren­des Organ der Macht ver­steht. Nicht zuletzt die Haft­be­din­gun­gen sind zu nen­nen, die wür­de­los gewe­sen sein dürf­ten, inso­weit aber keine rein chi­ne­si­sche Beson­der­heit dar­stel­len (was sie nicht harm­lo­ser macht oder gar ent­schul­digt). Die Inhaf­tie­rungs­prak­ti­ken in man­chen ande­ren Län­dern, die noch um eini­ges restrik­ti­ver sind, rufen weit sel­te­ner und weni­ger ener­gi­sche Kri­tik her­vor, wenn über­haupt. Erwähnt seien die noto­ri­schen Bru­ta­li­tä­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Justiz, die bspw. einen sech­zehn­jäh­ri­gen Jun­gen, fest­ge­nom­men auf der Grund­lage zwei­fel­haf­ter Anschul­di­gun­gen, über drei Jahre in U-Haft hielt, von denen er die mei­ste Zeit in Ein­zel­haft ver­brachte (s. den Arti­kel von Patrick Bahn­ers auf faz.net vom 10.06.2015 “Es gibt kein Ent­kom­men”, der sich sei­ner­seits und maß­geb­lich auf meh­rere bril­li­ante Arti­kel von Jen­ni­fer Gon­ner­man in The New Yor­ker stützt; der junge Mann, er hieß Kalief Brow­der, hat sich spä­ter das Leben genom­men; s. fer­ner und statt vie­ler auch die Repor­tage von Tina Kai­ser, Die Welt).

Noch­mal: Das macht die chi­ne­si­schen Unar­ten und Defi­zite nicht akzep­ta­bler. Ein Unrecht bleibt ein Unrecht, auch wenn es nicht das ein­zige und übri­gens auch nicht das größte sei­ner Art ist. Auf­fal­lend ist aller­dings die selek­tive Behand­lung der ein­schlä­gi­gen The­ma­tik.

On Stage

Ein Arti­kel in der FAZ vom 01. 01. 2016 bezeich­net Ai Wei­wei als “Bild­hauer und Men- schen­recht­ler”. Weder die eine noch die andere der Bezeich­nun­gen ist geschützt, die Aus- übung bei­der Berufe ist frei und nicht von Prü­fun­gen oder behörd­li­chen Zulas­sun­gen abhän­gig. Mutige Män­ner und Frauen, die gegen Dumm­heit und Anma­ßung ange­hen, ver- die­nen Respekt und alle Unter­stüt­zung. Im Falle von Ai Wei­wei scheint — viel­leicht nicht nur mir — die Insze­nie­rung im Vor­der­grund zu ste­hen (was der U-Haft nichts von ihrer Wirk­lich­keit nimmt). Der Betrieb braucht seine Frei­heits­hel­den wie das Bier­zelt die Blas­ka­pelle und die Tanz­re­vue das Num­mern­girl. Ein David muß her, und der muß nicht aus Mar­mor sein. Eine auf­blas­bare Kopie, eine Betriebs­nu­del genügt.

In jüng­ster Zeit sind da und dort betre­tene Andeu­tun­gen in der Presse zu ver­neh­men. Man mag nicht län­ger über­se­hen, daß “unser Ai” ein mäßig ergie­bi­ger Gesprächs­part­ner ist, der abge­stan­dene Wit­ze­leien von sich gibt und als Inter­view­part­ner auf eine kri­ti­sche Frage unsou­ve­rän reagiert (s. die Arti­kel dazu in ZEIT-online vom 13.08.2015) und der übri­gens nichts dabei fand, Bewer­bungs­ge­sprä­che mit Stu­den­ten, die sich um Zutritt zu sei­ner Lehr­ver­an­stal­tung bewar­ben, per Video auf­zu­neh­men und die Aspi­ran­ten ein­schließ­lich ihrer Unfer­tig­kei­ten als­dann bei sei­ner Antritts­vor­le­sung in Ber­lin öffent­lich vor­zu­füh­ren.

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Letz­te­res en pas­sant zum Thema mensch­li­che Würde und Respekt, Über­wa­chung und Bloß­stel­lung. Kri­ti­sche Reak­tion und Kom­men­tie­rung erfährt letz­tere vor allem dann, wenn und soweit sie in China statt­fin­det und nicht in Ber­lin, wo man sich vom Dik­tat der Umgangs­for­men und des Respek­tes offen­bar befreit hat.

Wie es aus­sieht

Herr Ai ist bil­den­der Künst­ler. Die­ser Beruf steht jeder­mann offen, und auch ein schlech­tes Kunst­werk bleibt ein Kunst­werk. Die Werke Ai Wei­weis, soweit mir bis­her bekannt gewor­den, wir­ken banal auf mich, sie erschöp­fen sich (und viel­leicht nicht wenige Betrach­ter) in Gesten, denen wil­lige wie prä­ten­tiöse Inter­pre­ta­tion Bedeu­tung zu ver­lei­hen, um nicht zu sagen: her­bei­zu­re­den hat. Man denke etwa an die vier oder fünf Baum­wur­zel­stum­pen, das Stück zu ca. hun­dert kg oder mehr, dick ange­malt in lila und gold und sil­ber, abge­legt im neu geschaf­fe­nen Brü­der-Grimm-Museum zu Kas­sel, wo man der klo­bi­gen Hom­mage offen­bar hilf­los, dank­bar und fach­lich rat­los gegen­über­stand.

Hanno Rau­ter­berg hat zum Schaf­fen des Gefei­er­ten die kri­tisch­sten Worte gefun­den, etwa in der ZEIT vom 03.04.2014 und vom 19.09.2015. Der Respekt vor dem kul­tu­rel­len Erbe Chi­nas, als des­sen Bewah­rer Herr Ai sich prä­sen­tiert (um nicht zu sagen: auf­spielt), fand anläß­lich der docu­men­ta­XII bei­spiel­haf­ten Aus­druck in einer zusam­men­ge­na­gel­ten Bastel­ar­beit aus höl­zer­nen Türen älte­rer Art, die beim ersten Som­mer­ge­wit­ter kol­la­bierte, wor­auf der Kura­tor Bür­gel den Müll­hau­fen auf der grü­nen Wiese als Offen­ba­rung des Eigent­li­chen beju­belte.

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Macht der Wan­der­zir­kus Sta­tion im Deut­schen Pavil­lon, c/o Bien­nale d´Arte di Vene­zia im Jahre 2013, bil­den 887 höl­zerne Drei­bein-Sche­mel, zusam­men­ge­leimt und -gena­gelt, die übli­che Raum­in­stal­la­tion. Ein Merk­blatt zum Ver­ständ­nis liegt aus, und art hilft mit: “In den tra­di­tio­nel­len drei­bei­ni­gen Sitz­ge­le­gen­hei­ten, die in der kom­mu­ni­sti­schen Ära durch min­der­wer­tige Pla­stik­stühle ersetzt wur­den, sieht der Künst­ler ein Sinn­bild für Hand­werks­kunst und Indi­vi­dua­li­tät, die im heu­ti­gen China mit Füßen getre­ten wer­den.”

Oder eben mit Pla­stik­sche­meln zuge­schmis­sen wer­den, was einem Tritt in den Volks­hin­tern offen­bar gleich­kommt. Pflicht­ge­mäß zu betrau­ern ist der Nie­der­gang einer vor­re­vo­lu­tio­nä­ren wie reak­tio­nä­ren Idylle vom treuen Zim­mer­mann, der Sche­mel auf Sche­mel aus wah­rem Holze eigen­hän­dig nagelt und schleift, leimt und lasiert. Statt­des­sen zwingt die mao­isti­sche Gleich­ma­che­rei hun­derte Mil­lio­nen ple­be­ji­scher Hin­ter­teile auf Sche­mel aus Kunst­stoff. Ein­sam setzt und sitzt Herr Ai auf Holz.

Hel­den

Aber nicht lange, denn der Betrieb kann nicht war­ten. Neu­er­dings sind bunte Steck­bau­stein­chen von Lego das Mate­rial der Wahl, Pla­stik hin, Fuß­tritt her, und ein aktu­el­les Vor­ha­ben segelt unter der Flagge Andy Warhol/Ai Wei­wei. Was für eine Kom­bi­na­tion: Andy War­hol war ein begab­ter Zeich­ner, Maler und bril­lan­ter Gra­fi­ker. Ob man bei­den Künst­lern, genauer gesagt, dem Andenken des einen wie dem Schaf­fen des ande­ren, per Gemein­schafts­aus­stel­lung einen Gefal­len tut, scheint frag­lich. Diplo­ma­tisch gefaßt: Zu unter­schied­lich in Aus­füh­rung und Ergeb­nis ist die Qua­li­tät der Werke. Geplant und aus Lego-Stein­chen inzwi­schen wohl ver­fer­tigt sind Por­träts zu Unrecht und aus poli­ti­schen Grün­den inhaf­tier­ter Men­schen, denen man schon des­halb schleu­nig­ste Haft­ent­las­sung wün­schen möchte.

Wes­halb aber Lego? Warum nicht Bau­klötze aus Natur­holz, tra­dier­ten Sche­meln gleich? Lego­stein­chen sind bunt und bekannt, man kann alles Mög­li­che damit basteln, ent­spre­chend dem Form­emp­fin­den und den moto­ri­schen wie gestal­te­ri­schen Fähig­kei­ten von Klein­kin­dern. Die Alters­emp­feh­lung des Her­stel­lers lau­tet auf ein­ein­halb bis fünf Jahre. Kind­lich­keit genießt die Ver­mu­tung der Unschuld. Ver­hält ein Erwach­se­ner sich kind­lich, nennt man das infan­til. Nietz­sche benannte die klas­si­schen Sti­mu­lan­tien der Erschöpf­ten: das Künst­li­che, das Bru­tale und das Unschul­dige; letz­te­res nannte er auch: das Idio­ti­sche.

Rebel­li­sche Hel­den brau­chen eine Feste, gegen die sie anren­nen als wärs die Hure Baby­lon, und wenn die noch so bie­der unter Fa. Lego fir­miert und eine Anfrage betr. eine Groß­lie­fe­rung (bulk order) kauf­män­nisch unauf­ge­regt und abschlä­gig beschei­det. Insta­gram und twit­ter erlau­ben hierzu Ein­blick ins inner­ste Arse­nal der künst­le­ri­schen Rebel­lion, und das ist – wers nicht glaubt, mag sich den Anblick zumu­ten – die Klo­sett­schüs­sel, über der in Abwei­chung vom täg­li­chen Geschäft nicht die­ses oder jenes Hin­ter­teil her­nie­der­geht, son­dern ein Hau­fen aus Lego­stei­nen und dar­über ein Foto­ap­pa­rat, der den Ein­fall notiert. Gewiß: kein bekann­ter Mann ist dage­gen gefeit, daß ein Bewun­de­rer sich mit einer plum­pen Hom­mage mel­det. Herr Ai ver­öf­fent­lichte sie.

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For­men der Anteil­nahme

Nie­mand ist ver­pflich­tet, sich in Din­gen der bil­den­den Kunst an den tra­di­tio­nel­len Kanon der Mit­tel zu hal­ten, etwa an den der figu­ra­ti­ven Male­rei. Die unter­schied­lich­sten Gesten und Arran­ge­ments sind denk­bar, Insze­nie­run­gen, Dicht­kunst, Rezi­ta­tio­nen, Foto­gra­fie, Male­rei, Col­lage, Mon­tage und Film, sou­ve­räne Metiers alle­samt, die ein­an­der zudem ergän­zen mögen. Horst Jans­sen (1929 – 1995) bemerkte lapi­dar: Der Appell ist eine Sache fürs Pla­kat (und man darf anfü­gen: es gibt Bei­spiele her­aus­ra­gen­der Pla­kat­kunst). Kei­nes der diver­sen Gen­res ent­bin­det indes von den Impe­ra­ti­ven, den Anfor­de­run­gen an das Kön­nen, die auch nicht mit­tels einer guten Absicht außer Kraft gesetzt wer­den, etwa der Anteil­nahme und Erin­ne­rung an das Schick­sal der Namen­lo­sen und der Ver­folg­ten.

Die Geschichte der bil­den­den Kunst ist über­reich an Dar­stel­lun­gen des Lei­dens, das die Bru­ta­li­tät der Herr­schen­den, der sadi­sti­sche Eifer der Recht­gläu­bi­gen und übri­gens auch und erst recht die Aus­sicht auf hohe Pro­fite anrich­ten. Nie­mand macht Herrn Ai zum Vor­wurf, daß ihm die Befä­hi­gung eines Géri­cault abgeht und ihm ein Floß der Medusa nicht gelin­gen will. Nie­mand macht ihm zum Vor­wurf, daß ihm die bild­li­che und dra­ma­tur­gi­sche Bega­bung denk­bar fern­liegt, die in dem gran­dio­sen doku­men­ta­ri­schen Film “Behe­moth” des Regis­seurs Zhao Liang zutage tritt, der mit der Beschei­den­heit, der Sorg­falt und dem Respekt des Chro­ni­sten von den Bedin­gun­gen berich­tet, unter denen chi­ne­si­sche Gru­ben- und Gie­ße­rei­ar­bei­ter leben, arbei­ten und ster­ben.

Cathe­rine David, docu­menta-Kura­to­rin im Jahre 1997, hatte von der erstaun­li­chen Beharr­lich­keit gespro­chen, mit der sich das Tafel­bild behaupte. Prä­gnante Bei­spiele sah man vor knapp zwei Jah­ren in der Aus­stel­lung “Voice of the Unseen” in Vene­dig, die par­al­lel zur Bien­nale d´Arte und unab­hän­gig von ihr statt­fand und letz­tere des öfte­ren deklas­sierte in puncto Ori­gi­na­li­tät, Kön­nen, for­male Viel­falt und kri­ti­schem Poten­tial. Kura­tor der Aus­stel­lung war Wang Lin, in Sichuan ansäs­sig und tätig, die Aus­stel­lung fand statt unter akti­ver Betei­li­gung des Kunst­mu­se­ums Guang­dong. Dies zur all­seits gern gepfleg­ten These, daß bil­dende Kunst in China nur als Jubel­kunst gestat­tet und mög­lich sei.

Zu den zahl­rei­chen aus­ge­stell­ten Wer­ken gehör­ten sechs groß­for­ma­tige Gemälde von Xu Wei­xin aus dem Jahre 2009. Sie por­trä­tie­ren Opfer der mör­de­ri­schen mao­isti­schen Rase­rei, bekannt und erin­ner­lich als Kul­tur­re­vo­lu­tion. In nüch­ter­nem Schwarz-Weiß erin­nern sie an Paß- oder auch Fahn­dungs­fo­tos und schei­nen von den Bil­dern Ger­hard Rich­ters beein­flußt, die unter dem Namen Stamm­heim-Zyklus bekannt gewor­den sind.

Eines der Por­träts ist Yan Fen­gy­ing (1930 – 1968) gewid­met, einer Schau­spie­le­rin und Sän­ge­rin, die dif­fa­miert, gede­mü­tigt und ver­folgt wurde und der man zuletzt die not­wen­dige Heil­be­hand­lung in einem Kran­ken­haus ver­wei­gert hatte. Sie starb.

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Xu Wei­xin: “Yan Fen­gy­ing” aus der Serie “Por­traits in History” (sechs Gemälde in Öl auf Lein­wand jew. 250 x 200 cm, 2009), Wie­der­gabe mit freundl. Geneh­mi­gung von Xu Wei­xin

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Eine Hom­mage aus bun­ten Bau­klötz­chen blieb ihr und der Nach­welt erspart. Nicht erspart, den Toten nicht und nicht den Leben­den, blieb das Kolos­sal­pla­kat, das im Jahre 2009 eine Außen­wand am Münch­ner Haus der Kunst bedeckte und aus tau­sen­den bun­ter Schul­ran­zen zusam­men­ge­leimt war. Die form­ten in chi­ne­si­schen Schrift­zei­chen die Worte: “Sie­ben Jahre lebte sie glück­lich in die­ser Welt”.

Man erin­nert sich: Im Mai 2008 bebte in der chi­ne­si­schen Pro­vinz Sichuan die Erde. Zu den etwa neun­zig­tau­send Toten gehör­ten tau­sende Schul­kin­der, die unter den Trüm­mern nicht erd­be­ben­si­che­rer Schul­ge­bäude erschla­gen und begra­ben wur­den.

Herr Ai erkannte seine Chance. Tau­sende toter Kin­der sind ein Kapi­tal, das man nicht links lie­gen läßt, und mag der Vor­wurf noch so nahe­lie­gen, daß ein Stüm­per sich zu bil­lig­sten Bedin­gun­gen an ihrem Andenken bedient. Und wäh­rend die Schau­spie­le­rin Sharon Stone noch eine Lek­tion in Bud­dhis­mus und Gefühls­tiefe gab, mit der es ihr so ernst war, daß sie weder Zeit noch Kraft und Nei­gung fand, ihren Alko­hol­spie­gel zu sen­ken, son­dern als ange­sof­fene Schickse vor die Welt­presse trat und erläu­terte, daß tau­sende toter Kin­der, unter Trüm­mern erschla­gen, ver­blu­tet und erstickt, im Sinne eines “Karma” wohl die ver­diente Kon­se­quenz von Chi­nas Auf­tre­ten in der chi­ne­si­schen Pro­vinz Tibet seien (und der Dalai Lama “a very good friend of mine”), war Herr Ai schon fün­dig gewor­den: eine Todes­an­zeige chi­ne­si­scher Eltern, die ihre Toch­ter, ein klei­nes Schul­mäd­chen, beim Erd­be­ben in Sichuan ver­lo­ren hat­ten, lie­ferte der groß­for­ma­ti­gen Baste­lei den Text, auf daß alle Welt sich kosten­gün­stig rüh­ren ließe. Ob die Arbeits­be­din­gun­gen, dies am Rande, unter denen neun­tau­send Schul­ran­zen (ver­mut­lich in China) pro­du­ziert wor­den sind und die nicht eben arbeit­neh­mer­freund­lich sein sol­len, je das Inter­esse des Gefei­er­ten fan­den, ist mir nicht bekannt, auch nicht, ob er die trau­ern­den Eltern um Erlaub­nis zur gröh­len­den Schau­stel­lung gebe­ten hatte.

Über­griffe

Niklas Maak schrieb im Früh­jahr 2014 in der FAZ: “Ai wurde fast tot­ge­prü­gelt, als er sich für die Hin­ter­blie­be­nen der Kin­der ein­setzte, die bei einem Erd­be­ben in nach­läs­sig gebau­ten staat­li­chen Schu­len star­ben, und den Kor­rup­ti­ons­skan­dal öffent­lich machte.” Was immer die Gründe für den mili­tan­ten Zusam­men­stoß zwi­schen Ai und sei­nen Geg­nern gewe­sen sein mögen: sein Ver­such einer Offen­ba­rung des welt­weit und übri­gens auch in China all­seits und umge­hend bekannt gewor­de­nen Erd­be­bens war es mit Sicher­heit nicht. ESWN zB hatte schon am 13.05.2008 zahl­rei­che Fotos vom Erd­be­ben und sei­nen Opfern, und zwar vor Ort von über­le­ben­den Betrof­fe­nen gemacht, ver­öf­fent­licht. Xinhua berich­tete vor nicht lan­ger Zeit über ein neu eröff­ne­tes Museum, das sich dem Erd­be­ben wid­met und Bil­der der Zer­stö­rung prä­sen­tiert.

Anders als in frü­he­ren Zei­ten, als Natur­ka­ta­stro­phen den Opti­mis­mus des Klas­sen­kamp­fes stör­ten, berich­tete das chi­ne­si­sche Fern­se­hen CCTV bereits kurz nach den ersten ver­hee­ren­den Erd­stö­ßen non-stop und in live-Über­tra­gun­gen vom Gesche­hen. Die Kata­stro­phe löste eine Welle natio­na­ler Hilfs­be­reit­schaft und Soli­da­ri­tät aus. Unter dem 11.06.2008 berich­tete xin­hua­net über die man­gel­hafte bau­li­che Qua­li­tät öffent­li­cher Gebäude, ins­be­son­dere der Schu­len, und die Ver­ab­schie­dung schär­fe­rer gesetz­li­cher Vor­schrif­ten zur Erd­be­ben­si­cher­heit. Bei die­ser Sach­lage zu behaup­ten, ein Wei­ßer Riese Rit­ter namens Ai sei auf den Plan getre­ten und habe unter größ­ter per­sön­li­cher Gefahr ein furcht­ba­res Geheim­nis offen­bart, mag sich strah­len­der Eitel­keit, bes­ser gesagt: Scham-losig­keit ver­dan­ken, der ein unin­for­mier­ter oder auch schlicht lini­en­treuer Jour­na­lis­mus die Lampe hält.

Auch nur der leich­te­ste poli­zei­li­che Über­griff ist nicht zu dul­den. Auf­schluß­reich ist in die­sem Zusam­men­hang frei­lich Ai Wei­weis Film “So sorry”, der den Prot­ago­ni­sten als eine Art Son­der­er­mitt­ler zeigt (Auto­fahr­ten, steile Per­spek­ti­ven, wacke­lige Kame­ra­füh­rung), u.a. auch die Szene (bei 46:30 min), in der er einen Mann zur Rede stellt und ihm vor­wirft, ihn vor eini­ger Zeit fest­ge­nom­men zu haben. Sein Auf­tre­ten scheint geprägt von der Eupho­rie der wich­ti­gen Mis­sion, er stellt sein Gegen­über vor lau­fen­der Kamera bloß, reißt ihm die Son­nen­brille aus dem Gesicht und ver­sperrt ihm den Weg. Der Ange­grif­fene bleibt beherrscht. Von ähn­li­chem Zuschnitt war Ai Wei­weis Auf­tritt zusam­men mit ein oder zwei Gehil­fen auf einer Poli­zei­wa­che in China, wo er die anwe­sen­den Beam­ten unge­fragt per Video filmte. Die lie­ßen sich das gefal­len, was in diver­sen ande­ren Län­dern, dar­un­ter auch der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, viel­leicht etwas anders ver­lau­fen wäre. Sollte Ai Wei­wei sich ähn­li­che Anma­ßun­gen anläß­lich des Kon­flik­tes mit Poli­zi­sten in Chengdu erlaubt haben, müßte man sie als evtl. mit­ur­säch­lich für seine dabei erlit­te­nen Ver­let­zun­gen anneh­men. Daß er sie über­stan­den hat, ist eine gute Nach­richt (daß er sich im Kran­ken- haus in Mün­chen auf­führte, als wäre es sein Stu­dio samt Audi­enz­saal für Presse und Ver­eh­rer, ist keine).

Erstaun­lich bleibt die Zuer­ken­nung einer auf drei Jahre ange­leg­ten Gast­pro­fes­sur in Ber­lin, dies erst recht ange­sichts des Namens Ein­stein (!), den die gewäh­rende Stif­tung trägt. Der Ver­lauf der Antritts­vor­le­sung löste auch bei Ver­tre­tern der geneig­te­ren Presse Zwei­fel bis hin zu regel­rech­tem Miß­fal­len aus. Mit den sech­zehn erfolg­rei­chen Bewer­bern für die Teil­nahme an sei­ner Lehr­ver­an­stal­tung (?), die den Ehr­geiz auf­ge­bracht und vor dem wäh­le­ri­schen Zulas­sungs­ver­hal­ten (incl. öffent­li­cher Bloß­stel­lung, s. oben) des frisch beru­fe­nen Gast­pro­fes­sors bestan­den hat­ten, möchte er nach eige­nem Bekun­den eine Art kum­pel­hafte Ras­sel­bande bil­den. Herr Düllo, Mode­ra­tor der Büh­nen­schau, befand, die werde “Mei­len­steine” set­zen. Meinte er Lego-Steine?

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1 Antwort auf Just a pawn in the game oder: Warum ich Herrn Ai Weiwei für überschätzt halte

  1. aquadraht sagt:

    Eine gute und kun­dige Dar­stel­lung. Aus China selbst zur Ergän­zung ein Ereig­nis, das sich nach mei­ner Erin­ne­rung 2009 oder 2010 abge­spielt hat und damals im chi­ne­si­schen Inter­net breite Reso­nanz fand. Prot­ago­ni­sten waren ein Pro­fes­sor der Rechte einer Pekin­ger Uni­ver­si­tät, einige der regie­rungs­kri­tisch-libe­ra­len Rich­tung geneigte Mini­blog­ger im chi­ne­si­schen Netz­werk von Sina Weibo, eine Jour­na­li­stin und Herr Ai Wei­wei.

    Der Pro­fes­sor hatte im Inter­net die chi­ne­si­sche Regie­rung und die kom­mu­ni­sti­sche Par­tei ver­tei­digt, in eini­gen kon­tro­ver­sen Punk­ten, so auch in der Frage der gro­ssen Ver­sor­gungs­krise nach dem “Gro­ssen Sprung” in den “drei bit­te­ren Jah­ren” 1959–1961. Er war dar­auf­hin von sei­nen Kon­tra­hen­ten, unter ande­rem einer Jour­na­li­stin der libe­ra­len Nanfang-(Süden)Pressegruppe (mit den Orga­nen Nan­fang Ribao/Zhoumo — süd­li­cher Tag/südliches Wochen­ende) zur Dis­kus­sion in einen Pekin­ger Park gefor­dert (gebe­ten wäre unter­trie­ben gewe­sen) wor­den. Er kam auch. Es gab wohl einen erhitz­ten Dis­put, vor allem bezüg­lich sei­nes Bestrei­tens einer grö­sse­ren oder min­de­stens so gro­ssen Zahl von Opfern wie seine Kon­tra­hen­ten behaup­te­ten. Die Frage der Opfer der Hun­gers­not von 1959–61 ist in der Tat kon­tro­vers und ein Poli­ti­kum. Die libe­ra­len Kon­tra­hen­ten began­nen dann auch, den Pro­fes­sor zu beschimp­fen und zu bedrän­gen.

    In die­ser Situa­tion erschien dann Herr Ai Wei­wei, und schlug dem Pro­fes­sor mehr­mals ins Gesicht. Ein Beglei­ter, etwas kräf­ti­ger gebaut als der schmäch­tige Jurist, drängte ihn ab. Es gibt Bil­der von die­ser Demon­stra­tion libe­ra­ler Mei­nungs­äu­sse­rung, wie der bul­lige Ai den schmäch­ti­gen Mann packt und schlägt; ich habe sie auf die Schnelle nicht gefun­den. Der Pro­fes­sor machte die­sen Vor­fall im Inter­net öffent­lich, und die Mei­nun­gen waren gespal­ten, wenn auch in der Mehr­zahl kri­tisch gegen­über der Gewalt­an­wen­dung. Recht­li­che Kon­se­quen­zen gab es nicht.

    Dies nur als Schlag­licht zu den Ver­hält­nis­sen in China. Gewiss herrscht dort keine Rechts­staat­lich­keit oder Rechts­si­cher­heit in der Weise wie in Mit­tel­eu­ropa. Das wirkt aber nicht nur in einer Rich­tung. Gewiss gibt es Will­kür und Repres­sion, aber auch Frei­räume, die sich Oppo­si­tio­nelle in eta­blier­ten Rechts­staa­ten nicht träu­men las­sen wür­den.

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